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Lg-regensburg

Justiz ist für die Menschen da.

Pressemitteilung 02 / 2025 vom 27.03.2025

Auseinandersetzung mit der Verantwortung von Juristinnen und Juristen im Zusammenhang mit NS-Unrecht

Lesung mit Patricia Litten am Landgericht Regensburg

Das Landgericht Regensburg blickte im Rahmen einer Lesung mit Patricia Litten am Dienstag, 25. März 2025 gemeinsam mit Referendarinnen und Referendaren auf die NS-Zeit und damit auf eine Zeit zurück, in der deutsche Juristinnen und Juristen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in der Mehrzahl nicht nachkamen, und diskutierte darüber, wie sie ihr heute gerecht werden können. 

Patricia Litten las aus dem Buch ihrer Großmutter Irmgard Litten. In deren Buch „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ schildert diese die Leidensgeschichte ihres Sohnes und ihren vergeblichen Kampf um seine Freiheit. Patricia Litten berichtete eindrücklich über das Leben und Schicksal ihres Onkels und ihrer Großmutter.

Der Präsident des Landgerichts Regensburg Alfred Huber betonte die besondere gesellschaftliche Verantwortung von Juristinnen und Juristen: „Wir Juristinnen und Juristen müssen aktiv für Demokratie und Rechtsstaat eintreten. Der Fall Hans Litten zeigt in erschreckender Weise, was geschehen kann, wenn der Rechtsstaat abgeschafft wird und unkontrollierte Macht mit staatlicher Willkür zusammentrifft.“

Zum Hintergrund: 
Als junger, engagierter „Anwalt des Proletariats“ wurde Hans Litten in der Weimarer Republik bekannt, vor allem durch den Prozess zum Überfall auf das Tanzlokal Edenpalast in Berlin. Im November 1930 hatte ein SA-Rollkommando das überwiegend von linken Arbeiterinnen und Arbeitern besuchte Lokal überfallen. In dem Prozess ging es ihm als Vertreter der Nebenklage auch darum, aufzuzeigen, dass der Terror als planmäßige Taktik der nationalsozialistischen Führung benutzt wurde. Zu diesem Zweck rief er Adolf Hitler in den Zeugenstand zum Beweis dafür, dass der Überfall von der Parteiführung organisiert und mitgetragen wurde, dass es sich bei der NSDAP also nicht um eine demokratische, sich im Rahmen des Legalen bewegende Partei handelte. Hitler wurde dabei in die Enge getrieben und bloßgestellt. Diese Blamage hat er Hans Litten nie verziehen. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Hans Litten verhaftet und in mehreren Gefängnissen und Konzentrationslagern über Jahre gefoltert und misshandelt, zuletzt in Dachau, wo er sich am 5. Februar 1938 das Leben nahm. Die Bundesrechtsanwaltskammer hat heute ihren Sitz in der nach Hans Litten benannten Straße in Berlin. 

Patricia Litten ist die Enkelin von Irmgard Litten und die Nichte von Hans Litten. Als dessen Bruder erhielt ihr Vater, der Schauspieler Rainer Litten, in der NS-Zeit Auftrittsverbot und flüchtete über Prag und Paris in die Schweiz, wo Patricia Litten geboren wurde. Die mehrfach preisgekrönte Schauspielerin besuchte die Schauspielschulen in Zürich und München. Es folgten verschiedene Engagements, unter anderem am Schauspiel Frankfurt, am Schiller Theater Berlin und am Staatstheater Nürnberg. Diverse Gastspiele hatte sie in Erlangen, Fürth, Ingolstadt, Zürich, Mülheim an der Ruhr, Brüssel und an der Oper in Nürnberg. Patricia Litten ist es eine Herzensangelegenheit, dass ihr Onkel Hans Litten im Gedächtnis der Menschen bleibt. 

Der Mut und die Zivilcourage des Anwalts Hans Litten sollten jeder Bürgerin und jedem Bürger Mahnung und Vorbild sein.

In ihrem rund zweijährigen Referendariat werden zukünftige Juristinnen und Juristen im Anschluss an ihr Universitätsstudium theoretisch und praktisch ausgebildet und auf das Zweite Juristische Staatsexamen sowie die berufliche Praxis vorbereitet. 

Aufgrund der besonderen Verantwortung von Juristinnen und Juristen in allen Berufen hat das Referendariat auch die Vermittlung ethischer Grundlagen und die Förderung der Fähigkeiten zur kritischen Reflexion des Rechts zum Ziel. So erklärt § 5a des Deutschen Richtergesetzes (DRiG) seit 1. Januar 2022 die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Unrecht sowie dem Unrecht der SED-Diktatur zum Bestandteil der Ausbildung. Hierzu wird der juristische Nachwuchs durch Vortragsreihen zur Verantwortung von Juristinnen und Juristen angehalten und die aktive Auseinandersetzung mit NS- und SED-Unrecht gefördert. 

gez.
Ruth Koller 
Vorsitzende Richterin am Landgericht
Pressesprecherin